Océanis 46 Konstruktion, Konzeption, Eigenschaften, Qualtität Als wir die Océanis 46 auf der Interboot 2007 als Neuheit sahen, waren wir voll und ganz begeistert: schickes Aussehen, überzeugende Konzeption, pfiffige Details, edles Interieur, alles dran und drauf was des Tourenseglers Herz begehrt! Der rundherum gute Testbericht in Yacht 09/2007 unterstrich unseren guten Ersteindruck. So kam es zum kurzentschlossenen Spontankauf ohne Testfahrt und längere Überlegung!
Im Fazit unserer Erfahrungen haben wir den Kauf bis heute nicht bereut, seglerisch macht Big Bully richtig Spaß, überzeugt in Speed und Seeverhalten, auch lässt es sich an Bord so komfortabel wie
erwartet leben. Im Detail gibt es aber doch einige Mängelpunkte, die wir ansprechen möchten. Mit unserer Detail-Kritik sind wir übrigens nicht allein, auf unserer Reise trafen wir Eigner von
Schwesterschiffen, die unsere Erfahrungen und Einschätzungen bestätigen:
- wohl konstruktiv bedingt liegt Big Bully bei vollen Tanks deutlich sichtbar auf der Backbord-Backe. Nicht schlimm, aber doch etwas ärgerlich wenn beim Duschen in der vorderen Nasszelle das
Wasser in der Ecke stehen bleibt!
- Bei frischem Wind und etwas Welle sind unter Deck deutliche Knarzgeräusche des Innenausbaus zu vernehmen. Wir machen uns deshalb keine größeren Sorgen, hören, dass dies bei „Serienbooten“
normal sei, hören und lesen aber auch, dass es sehr wohl Konstruktionen gibt, die „knarzfrei“ segeln. Auch dies nur eine Kostenfrage ???
- Die Schnappverschlüsse der Schapps und Türen sind schlichtweg Murks….bei uns und anderen versagten sie reihenweise.
- Als Holzfachmann bemängelt man die in der Regel rohen Schnittkanten nicht sichtbarer Schnittkanten im Innenausbau. Konsequente Kostenminimierung …immerhin kann man mit etwas Geschick selbst
nachbessern.
- Probleme mit der Kapazität der an sich großzügigen Service-Batteriebank hatten ihre Ursache im defekten Alternator. Der hatte wohl von Anfang an einen Schuss. Bei Bénéteau verwies man uns in
der Frage der Gewährleistung auf den Komponentenlieferanten Yanmar, an den wir uns direkt zu wenden hätten. Lieferung und Einbau des Austausch-Alternators durften wir also selbst organisieren.
Kundenorientiert fanden wir das nicht.
- Lockere Befestigungsklampen, Relingsstützen und eine wackelnde Ankerwinsch führten zur ernüchternden Erkenntnis, dass die Montage elementarer Teile seitens der Werft in unverständlich laxer
Weise vorgenommen wird: Bolzen durch das Laminat des Decks, Nirounterlegscheibe und Mutter drunter, Festziehen..fertig! Kraftverteilende Unterlage, selbstsichernde Mutter bzw. Kontermutter??
Fehlanzeige! Bénéteau-Händler kennen das Thema…können aber offenbar bei der Werft keine Verbesserungen bewirken.
- In der Werft auf Madeira stellten wir fest, dass das Ruder im unteren Lager zuviel Spiel hat. Wir nahmen Kontakt mit unserem deutschen Händler auf, wurden mit der Antwort abgefertigt, viel
Spiel im Ruder sei bei Bénéteau üblich. Der örtliche Bénéteau-Vertreter zeigte sich interessierter und organisierte kurzfristig den Austausch des Lagers….allerdings gegen Berechnung. In Hinsicht
Gewährleistung dürfen wir uns nun wieder mit dem deutschen Händler und der Werft auseinandersetzen. Toll! Interessant sind übrigens die konstruktiven Details des Lagers: ein simples Gleitlager!
Selbstausrichtende Pendellager oder dergleichen wiederum Fehlanzeige da offenbar viel zu teuer.
Segelausstattung für Langfahrt
Lange hatten wir uns überlegt, mit welcher Segelausstattung wir den großen Törn angehen. Für die zu erwartenden Vorwind-Strecken auf der Barfussroute liebäugelten wir mit der klassischen
Passatbesegelung, den zwei hochgeschnittenen, ausgebaumten Vorsegeln, idealerweise gesetzt in den zwei Nuten des Profilvorstages. Vorteil dieser Besegelung ist die ideale Anpassbarkeit der
Segelfläche an die herrschenden Windstärken durch Einrollen. Die Angebote dafür lagen allerdings in einer budgettechnisch indiskutablen Größenordnung. Gut gefallen hätte uns auch ein Parasailor,
dieser Spinnaker mit dem Gleitschirmflügel vorne raus. Wir hörten und lasen, dass der Parasailor deutlich ruhiger und stabiler stehen soll, als ein normaler Spinnaker oder Gennaker. Doch auch
hier sperrte das Budget.
So blieb es bei der standardmäßigen Segelausstattung mit Großsegel (Ausführung mit 2 Einleinen-Bindereffs) und Rollgenua, beides von Elvström in Grossserien-Standardqualität. Der Segelmacher auf
Gomera, der die bereits UV-geschädigten Lieken der Genua reparieren durfte, zog mit der Bemerkung „darf bei denen ja alles nichts kosten!“ geringschätzig die Augenbraue hoch.
Zusätzlich leisteten wir uns eine Arbeitsfock (Lee Sails), mit Stagreitern fest angeschlagen am extra dafür installierten Kutterstag, eine Sturmfock (Gale Sail) sowie ein Sturm-Try-Segel, zu
setzen an einer extra Schiene seitlich der Mastnut. Für den Spaß zwischendurch auf Raumschotskursen bei leichterem Wind gönnten wir uns einen 120 m2 Gennaker mit Bergeschlauch (Lee Sails)
Das Thema Vorwindkurs auf der Passatroute lösten wir für unseren Fall durch einen entsprechend stabilen Spibaum (Z-Spars) mit dem wir die Genua in beliebiger Größe ausgerollt ausbaumen können.
Mit Gennakerschot als Achterholer, Spibaum-Niederholer und –Lifter steht so die Genua ausgebaumt bestens und stabil. Dazu setzen wir das Großsegel mit einem oder zwei Reffs, mit einer Bulle
stabilisiert geht das prima.
Als ein Problem erwies sich das Schamfielen und Scheuern diverser Leinen: - bei ganz gesetztem und weit aufgefiertem Großsegel scheuert das Großfall an der Umlenkrolle oben am Mast in kurzer Zeit
durch, die seitliche Auslenkung, die sich bedingt durch den Angriffspunkt des Falles am Kopfbrett beim Auffieren ergibt, ist einfach zu groß. Wir beschlossen, auf Vorwind nur im ersten Reff zu
fahren und hatten damit dieses Problem zumindest entschärft.
- die Umlenkung der Reffleinen am Großbaum-Lümmelbeschlag erwies sich als konstruktiv unbefriedigend gelöst, unter den unvermeidlichen „Pumpbewegungen“ des Großsegels in der Atlantik-Welle
scheuerten die hier nicht sauber geführten Leinen innerhalb sehr kurzer Zeit durch. Ärgerlich war die Feststellung, dass bei Einsatz größerer Umlenkrollen im Lümmelbeschlag (Platz wäre genügend
da!) die Scheuerstellen gar nicht aufgetreten wären. Man fragt sich unweigerlich, ob bei Z-Spars oder Bénéteau die Riggs bzw. Boote unter den Praxisbedingungen einer Langfahrt hinreichend
getestet werden.....oder waren die richtigen Umlenkrollen bei Z-Spars eben gerade ausgegangen ??
- Endbeschlag des Spibaums (durch den der Achterholer geführt wird) und obere Umlenkung des Spifalls am Mast sind weitere potentielle Scheuerstellen mit denen zumindest wir bei Big Bully zu
kämpfen hatten.
Im Fazit zum Problem Scheuerstellen können wir nur raten, das Rigg im Vorfeld einer solchen Reise in dieser Hinsicht intensiv zu checken und alle potentiellen Problemstellen konsequent zu
beheben....der „Rock and Roll“ im Atlantik ist für Segel und laufendes Gut ein gnadenloser Härtetest!
Sturmfock und Try-Segel haben wir bisher noch nicht benötigt.....und halten ganz fest die Daumen, dass die Dinger weiterhin in der Achterpiek verbleiben dürfen!
Elektroinstallation
Unsere Océanis 46 war serienmäßig recht komplett und komfortabel ausgestattet, verwunderlich nur, weshalb werftseitig darauf verzichtet wurde, einen vernünftigen Batteriemonitor einzubauen. Nur
über dieses Teil erhält man verlässliche Informationen darüber, was sich im Bordnetz effektiv abspielt, d.h. wieviel Strom (A) bei welcher Spannung (V) derzeit rein- oder rausfliesst, wie viele
Amperestunden verbraucht bzw. nachgeladen wurden, wie hoch die verfügbare Kapazität der Batteriebank somit effektiv ist. Selbstverständlich haben wir solch einen Batteriemonitor nachgerüstet
(philippi) und meinen, dass dieser zwingend zur Standardausstattung einer Segelyacht in heutiger Zeit gehören muss. Ebenso zwingend wie der Einsatz stromsparender LED-Technik für die
Beleuchtung!
Soweit technisch und finanziell machbar bzw. sinnvoll, rüsteten wir Big Bully auf LED-Technik um, benützen an Bord aber auch sehr gern besonders stromsparende LED-Kopflampen, die wir bei unseren
alpinistischen Aktivitäten kennen- und schätzen gelernt haben.
Ansonsten nahmen wir keine nennenswerten Veränderungen der sauber ausgeführten Elektroinstallation an Bord vor.
Stromerzeugung
Natürlich beschäftigte auch uns dieses Thema ganz besonders. Die bei „echten“ Langfahrtseglern häufig anzutreffende Kombination aus Solarzellen und Windgenerator stand für uns vor allem aus
Budgetgründen nicht wirklich zur Debatte. Wir setzten auf die „Low Cost“-Alternative in Form eines tragbaren Honda 20i Inverter-Generators, der mit Benzin alternativ mit Gas zu betreiben ist.
Aufgestellt bei Bedarf im Cockpit und angeschlossen an den normalen 220-V Landanschluss liefert der Honda in der niedrigen Betriebsstufe satt die Power, die zum Aufladen unserer 600
Ah-Batteriebank benötigt wird. Dies allerdings bei auf die Dauer doch nervigem Geräuschpegel!
Die Leistung des Hitachi-Alternarors (Lichtmaschine) an unserem Yanmar-Diesel wollten wir ursprünglich durch die Nachrüstung mit einem Sterling Pro-Digital-Hochleistungsregler optimieren. Beim
Studium der Einbauanleitung wurden wir aber unsicher, zu kompliziert erschien uns die Aktion mit kompletter Demontage des Alternators.
Wir hörten von einer alternativen Lösung bei Sterling, einem Alternator-to- Battery-Charger, der denselben Zweck der Maximierung der Alternatorleistung erfüllt, verbunden aber mit dem Vorteil
deutlich einfacherer Montage. So bauten wir nachträglich den AB 1290 von Sterling an Stelle der vorhandenen Split-Diode ein, laden nun schon bei rund 1.100 U/min mit stolzen 50 A unsere
Batteriebank nach. Da bleibt der Honda meistens verstaut.
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Kommentare: 1
Manfred (Freitag, 25 Juni 2010 13:53)
Sehr gute Tipps. Auch für nicht Bene Eigner. Vielen Dank!